Seebrücke Berlin: Lasst uns laut & radikal sein

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Rede auf der Abschlußkundgebung der Seebrücke Berlin am 02.09.2018

Danke für Euer Zeichen! Berlin ist wieder bunt und laut! Berlin ist heute wieder Seebrücke! 

Aber dennoch: Wir müssen noch radikaler und lauter werden! 

Es bewegt sich etwas in Deutschland. Seit ca. Mai sind in diesem Jahr mind. 250.000 Menschen auf die Straße gegangen: 40.000 in München gegen das neue Polizeigesetz noch einmal so viele in Bayern insgesamt. Gegen die AfD Ende Mai waren es 70,000 in Berlin . Die Seebrücke hat mehr als 100 große und kleine Demos initiiert und auch dabei mehr als 80.000 Menschen bewegt. Und noch einmal 40.000 in München bei #ausgehetzt.

Und nun kam Chemnitz und machte alles noch klarer und deutlicher.

Seit 2,5 Jahren kippt Deutschland immer weiter nach rechts. Dass die AfD in Kürze in allen Landesparlamenten und im Bundestag sitzt, hielten wir alle noch irgendwie für einen Unfall. Viele, auch ich, glaubten, dass sich die Partei selbst entzaubern würde, wenn sie mit all ihrer Hetze sichtbar, wenn ihre Programmlosigkeit deutlich wird.

Ich dachte wie viele, dass dann zumindest die reinen Protestwähler merken, auf welch lahmen und rechtsradikalen Gaul sie setzen. Nichts davon ist so eingetreten. Statt „wir sind 87%“ sind wir jetzt nur noch „wir sind 83%“.

Statt mit besorgten Bürgern zu reden und Verständnis für ihre Sorgen aufzubringen, müssen wir lauter werden. Die Strategie des Zuhörens, das Eingehen auf polemische „Argumente“, auf Fake-News und Hetze ist eindrucksvoll gescheitert.

Und seit der vergangenen Woche in Chemnitz ist nun auch für den Letzten erkennbar, dass wir es mit einer rassistischen rechtsradikalen Partei zu tun haben. AFD und Pegida liefen Hand in Hand. Identitäre und Nazis daneben. Jede letzte Maske ist gefallen.

Das zeigt uns auch, dass immer noch gilt: 

„Alles, was das Böse braucht, ist das Schweigen der Mehrheit“ (Kofi Annan)

Menschen auf dem Mittelmeer einfach ersaufen zu lassen, ist nicht einmal einen Gedanken wert, wenn man sich als Mensch bezeichnen will und darf.

Und wenn Salvini Menschen nach Libyen zurückschicken will oder Schiffe nicht einlaufen lässt, zeigt das nur seine eigene menschenverachtende Perversion. Aber es zeigt auch, dass die EU sich mitschuldig macht, wenn sie weiter nur dabei zuguckt, wie Menschen in den Tod geschickt werden.  

Wo ist die Initiative von Deutschland, zusammen mit zB Frankreich, Spanien und ein paar anderen Ländern, für Menschenrettung zu sorgen und die Menschen von den Booten aufzunehmen?

Wo ist der klare Appell, die Mission Sophia weiterlaufen zu lassen und Italien in der EU auszugrenzen?

Söder und Seehofer sprechen vielleicht nicht mehr von „Asyltouristen“ oder die bayerische Staatsregierung offiziell von „Asylgehalt“. Aber sie meinen es genau so und unverändert. Nur deshalb, weil man es anders nennt, ändert sich weder Haltung noch Überzeugung. 

Wir, die humanitäre, offene und freie Gesellschaft quer über alle demokratischen Parteien mussten merken, dass uns eine Minderheit den Diskurs aufzwang. Mit dem Blick auf ganz wenige, mit der generellen Kriminalisierung von Geflüchteten, wurde in Deutschland ein schiefes und teilweise menschenverachtendes Bild für alle 1,5 Mio. Menschen erzeugt, die in den letzten Jahren herkamen. Und wir alle haben dem zwar irgendwie immer widersprochen, aber es letztlich zugelassen.

Wir waren zu lange zu still und zu leise. Und damit sind wir auch mitschuldig an dieser Verschiebung von Diskurs und dem, was man nun irgendwie sagen darf. 

Aber die große Mehrheit, wie wir sie auch heute hier bei der Seebrücke über alle Grenzen von Parteien, Alter oder Einkommen hinweg erleben, ballt inzwischen die Faust nicht mehr nur in der Tasche, sondern zeigt sie nun endlich auch: 

Die bisher stille  Mehrheit zeigt, dass sie sich ihre Haltung und ihre Werte nicht weiter wegnehmen lässt. Sie zeigt, dass man Nazis als solche bezeichnen und auch offen gegen sie eintreten muss. Und dies ist nicht nur bei Seenotrettung alleine wichtig und richtig. 

Zeigen wir, dass wir das Spiel nicht mehr mitspielen. Menschen- und Freiheitsrechte, Demokratie und eine offene Gesellschaft mussten schon immer schwer erkämpft und dann verteidigt werden. Nichts davon ist selbstverständlich, und genau das merken wir alle gerade. Ich dachte nicht, dass wir wieder so darum kämpfen müssen, aber es ist schlichte Pflicht für uns alle! 

Wir müssen klar bekunden, dass wir uns weder von Nazis noch von „nur“ rechten Positionen weiter beherrschen lassen. Die große und oft zu stille Mehrheit muss noch lauter werden und um Grundrechte, Freiheit und Demokratie noch viel mehr kämpfen, denn all dies steht gerade auf dem Spiel.

Harte Abgrenzung von Nazis und Rechtsradikalen! Klare Abgrenzung von allen Parteien, die dies selbst Nazis gegenüber nicht tun und nur Hass und Hetze zeigen. Klare Abgrenzung von Menschenverachtung, und klares Bekenntnis zu Menschenrecht, Freiheit, gegen Rassismus und zu einer offenen Gesellschaft! 

Und am Ende noch ein Zitat, weil es so viel erklärt, auch und gerade zur Radikalität, wie ich sie denke:

„Ich bin der Meinung, dass das Böse immer nur extrem ist, aber niemals radikal. Es hat keine Tiefe auch keine Dämonie. Es kann die ganze Welt verwüsten, weil es wie ein Pilz an der Oberfläche weiterwuchert. Tief und radikal ist immer nur das Gute.“ (Hannah Arendt)

In diesem Sinne: Lasst uns laut sein! Lasst uns radikal sein! Wir müssen für uns und um unsere Gesellschaft kämpfen. 

Und jeder, der dies nicht tut, stellt sich letztlich dagegen. Also zeigt Flagge, zeigt Herz! Seid Mensch! Seid laut und radikal!

 

 

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