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Abschiebung? Och, warum eigentlich nicht?

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Falsche Narrative und falsches Framing
Wenn aus falschen Worten falsche Tatsachen werden

„Wir werden bedroht, verfolgt, erleiden Kriminalität und Gewalt. Wir müssen handeln, um nicht unterzugehen.“ Dies sagen nicht etwa Geflüchtete aus Syrien, Irak oder Afghanistan über ihre Fluchtgründe, sondern deutsche Politiker, Medien und Menschen aus Deutschland über Geflüchtete.

Und wenn sie es nicht mit diesen Worten sagen, vermitteln ihre Frames uns genau das.

Die Sprache derer, die sich in Politik, Behörden oder auch Medien mit geflüchteten Menschen beschäftigen, driftet inzwischen in eine grundsätzlich negative und rechte Richtung.

Der Haupt-Tenor bewegt sich irgendwo zwischen Abschiebung, Ausreisepflicht und unberechtigten Wirtschaftsflüchtlingen, die Asylrecht mißbrauchen, Belastungen, die untragbar werden, gefährdetem Sozialstaat und dem Wegnehmen von Geld, Wohnungen und Ressourcen jeglicher Art, die eigentlich „uns“ gehören. Wer das „uns“ eigentlich ist oder sich dafür hält, ist noch eine weitere Frage.

 

Ein paar Beispiele für falsche Erzählungen und Schlüsse

 

„Nur 1 % sind ja asylberechtigt“

Im Kontext der berüchtigten Obergrenze argumentiert der bayerische Innenminister Herrmann inzwischen nicht mehr nur im Geiste der AfD, dass ja ohnehin nur weniger als 1 % wirklich asylberechtigt sei und nimmt damit die in jeder Hinsicht falsche Sprache der Rechten auf. Er bewegt sich damit juristisch und inhaltlich auch nicht auf sicherem Terrain. 

Der Status des Flüchtlings nach Genfer Konvention wird von ihm entwertet und zu etwas angeblich Schlechterem umdefiniert. Dies ist jedoch blanker Unsinn. Die Genfer Konvention ist wie die EU-Asylverfahrensrichtlinie Bestandteil auch deutscher Gesetzgebung und seit Jahren oder gar Jahrzehnten bindend.

Flüchtlinge nach Genfer Konvention sind denen mit Asyl nach Grundgesetz komplett gleichgestellt. Das sollte ein Innenminister und jeder Politiker wissen. Besagte Asylverfahrensrichtlinie stellt auch subsidiär Geschützte in weiten Teilen den Geflüchteten nach GFK gleich, was auch im deutschen Asylgesetz vollzogen wurde.

Erzählt wird hingegen etwas völlig anderes. Man greift blind das Narrativ der Rechten mit den „ohnehin nur 1 % Asylberechtigten“ auf und suggeriert damit, dass alle anderen Geflüchteten eigentlich unberechtigt hier seien, zumindest aber nach Tagen oder wenigen Monaten wieder ausreisen müssten.

 

Die Mär der vollziehbaren Ausreisepflicht 

Eine ähnliche Geschichte erzählt die vollziehbare Ausreisepflicht: „Vollziehbar ausreisepflichtig“ ist ein Begriff aus dem Ausländerrecht, der beschreibt, dass jemand entweder kein Visum für Deutschland hat bzw. dieses abgelaufen ist oder dessen Asylantrag rechtskräftig, also auch und erst nach einer erfolglosen Klage gegen den Bescheid, abgelehnt wurde.

Vergessen wird jedoch dabei, dass der Staat einem Menschen dennoch aus völlig unterschiedlichen Gründen ein Bleiben erlauben kann. Ob nun Krankheit, Kinder, Ehepartner oder Ausbildung: Diese Menschen sind dann geduldet.

Operiert wurde von Politik und Medien jedoch mit Zahlen, die zunächst besagten, dass in Kürze 500.000 Menschen abgelehnt in Deutschland wären und ausreisen müssten. Dann reduzierte sich diese Zahl auf irgendwas um 220.000, die diesen Status „vollziehbar ausreisepflichtig“ hätten. Real sind es jedoch bundesweit unter 60.000 Menschen, um die es dann letztlich geht, nämlich diejenigen, die nicht nur vollziehbar ausreisepflichtig sind, sondern auch keine Duldung haben.

 

Für Berlin dreht man es zu bewußtem Versagen von R2G

Es erschienen gerade zwei Zeitungsartikel in Tagesspiegel und BZ zu Ausreisepflichtigen, die eben dies nicht täten: Ausreisen.  Im zweiten Artikel wurde dies noch ungeprüft verstärkt (BZ), indem dieser Zustand mit Politikversagen und politischer Unwilligkeit erklärt wurde. Dabei ging es in beiden Artikeln um gut 11.400 Menschen, die angeblich grundlos hier wären, weil sie eben „vollziehbar ausreisepflichtig“ seien, und auch noch 100 Mio € jährlich kosten würden. Geld, das besser anders ausgeben werden solle. Diese Menschen nehmen uns also etwas weg, sagen beide Artikel damit aus. Wie falsch die Aussagen waren, haben wir sehr ausführlich dargestellt.

Real sind von diesen 11.400 Geflüchteten gut 10.000 völlig zu Recht und auf gesetzlicher Grundlage in Deutschland, weil sie eine Duldung besitzen. Der Staat gibt ihnen also eine gesetzliches Bleiberecht, selbst wenn dieses nicht auf Dauer ist. Dies ist jedoch keine politische Entscheidung. Es gibt bei allem aufgesetzten Vermuten und Spekulieren auch gar keine politische Basis dafür, sondern schlicht eine gesetzliche aufgrund geltenden Aufenthaltsrechts.


Im Gedächtnis bleibt am Ende nur Eines:

11.400 Menschen bleiben verboten hier und kosten uns 100 Mio., mit denen man besser Schulen bauen solle,

Ob nun beabsichtigt oder auch schlicht aus eigener Unwissenheit erzählt: Am Ende verfestigen sich bei Lesern und Hörern Bilder aus Worten, die eben schlicht nur eines sind:

Falsch.

 

Das Grauen vor der Tür? Familiennachzug

Wie wir inzwischen aus sehr fundierten Berechnungen aus den realen Zahlen beantragter Visa wissen, könnten ab März 2018, wenn der ausgesetzte Nachzug bei subsidiär Geschützter wieder auflebt, einen rd. 50.000 bis 60.000 Menschen nach Deutschland kommen. Nicht 600.000 oder gar 6 Mio., nein, 60.000. Für Berlin also rd. 3.000.

Im Moment hängt die Bildung einer Bundesregierung offenbar ganz wesentlich an genau diesen 60.000 Menschen. Sie sind noch nicht mal hier, aber gefährden Deutschland angeblich  schon jetzt. Nebenbei fühlen wir uns damit offenbar von Frauen und Kindern bedroht. Die Diskussion über diese Menschen führt scheinbar zu einer Staatskrise und ist fast das einzige politische Thema der letzten sechs Monate.

Sie bedrohen uns nicht dann, wenn sie kommen, sondern schon durch die Diskussion über sie. Wir reden kaum über Renten, Steuern und Umwelt, wenig über Europa im eigentlich Kontext, sondern über 60.000 Frauen und Kinder.

60.000 Menschen bewegen 100 % der Politik. Wow!

Leider ist dies jedoch keine basisdemokratische Errungenschaft, sondern quasi eine von der AfD gekaufte Sau, die die anderen Parteien willfährig und brav durchs Dorf treiben. Sie merken nicht einmal, dass sie damit dem einzigen und ausschließlichen Thema einer rechten Partei die Gewalt über eine Mehrheit der anderen Parteien verschaffen.

 

 

Der innere Widerspruch aus Anmahnen und Tun

 

Deutschland wankt bei Diskussion und bisheriger Gesetzgebung zwischen Extremen. 

Einerseits will man, dass Geflüchtete sich möglichst bald und schnell in die deutsche Gesellschaft einfügen und selbst arbeiten, statt der Gesellschaft „auf der Tasche“ zu liegen. Man verpackt das dann politisch in ein Bild des Forderns und Förderns. 



Andererseits sehen die gleichen Politiker die schnelle Arbeitsaufnahme losgelöst von einem Asylstatus als Pull-Faktor an, der nur noch mehr Menschen nach Deutschland anlocke und ziehen wieder Voraussetzungen und Erlaubnisse ein, die Arbeit und Ausbildung wieder ver- oder mindestens behindern.

Wir suchen nach Wegen, um Teilnahme an Deutschkursen an irgendwelche Perspektiven zu binden. Bei Afghanen mit rd. 50% Schutzstatus führt zu völlig grotesken Ergebnissen: Beide sind von sofortigen Kursen ausgeschlossen. Der eine bekommt nach positivem Asylbescheid dann die Kurse. Der andere bekommt sie dank Ablehnung immer noch nicht. Dass die zu Recht sehr geringen Abschiebezahlen (128 Menschen seit Dezember 2016) im Ergebnis dazu führen, dass der „Verlierer“ dieser kranken Integrationswette im realen Leben auch hier bleibt, spitzt den Unsinn noch weiter zu. Wir müssten beiden sofortige Sprachkurse ermöglichen, geben sie aber nur einem und das u.U. nach ein bis zwei Jahren.

Wen bestrafen und wem helfen wir eigentlich am Ende damit?

Wir beschulen Kinder in manchem Bundesland nicht, weil wir scheinbar eine Vorahnung zum Ausgang des Asylverfahrens haben. Wir kürzen Geld und geben Sachleistungen, um damit angeblich keine Anreize zu setzen, den Weg nach Deutschland zu gehen. Als ob irgendwer vorher in Asien oder Afrika erst mal googlet, ob er 20 € mehr oder weniger bekommt.

Wir fordern also tatsächlich und politisch von Menschen etwas, das wir selbst auf der anderen Seite politisch und gesellschaftlich behindern oder gar nicht wollen.Wir hängen dem armen Esel die berühmte nie erreichbare Möhre vors Maul. 

Gegenüber der Bevölkerung oder zumindest einigen Teilen gilt das Gleiche:  Niemand kann scheinbar arbeiten, ohne gleichzeitig Gefahr zu laufen, dass man ihn beschuldigt, er nehme etwas weg oder locke damit andere her. Jedenfalls dann nicht, wenn man Flüchtling, Migrant oder auch „nur“ Ausländer ist.

Statt sich zu fragen, warum ein Arbeitgeber jemanden mit relativ schlechter Vorbildung und Sprache einstellt und nicht „den Deutschen“, werden Vorurteile gepflegt und politisch wie medial untermauert. Man hat ein Feindbild und tritt nach unten auf den tatsächlich oder vermeintlich Schwächeren.

 

Wir zementieren negatives Denken und drehen damit die Beurteilung

Ergebnis ist, dass wir selbst uns ins Unwohlsein reden. Oder auch nur lassen.  Suggeriert wird, dass wir aus  großer wirtschaftlicher Prosperität, starkem Arbeitsmarkt und Steueraufkommen und auch aus einer Kultur des Willkommens langsam das Gefühl bekommen, dass es eigentlich morgen zu Ende ist mit alldem und wir froh sein können, wenn wir das Ganze irgendwie überleben.

Sicher: Deutschland hat genug andere Themen wie eben z.B. Altersarmut, Bildung und soziale Verwerfungen trotz hoher Beschäftigung. Aber statt uns mit diesen Themen zu beschäftigen, reden wir gezielt real viel zu kleine Themen hoch und machen sie zum Nabel der Welt.

Politiker schwadronieren aus Kalkül mit falschen Zahlen und Bildern durch die Öffentlichkeit, und Medien machen es unkontrolliert mit.

Niemand hat erwartet, dass Integration einfach würde. Dabei geht es nicht nur um Integration von Geflüchteten in unsere Gesellschaft, sondern auch deren Integration und Einbindung in unsere Ressourcen wie Schulen oder Kitas. Wir können uns diese Integration nur entweder einfacher machen oder sie uns eben auch selbst erschweren. Im Moment jedoch reden wir ausschließlich mit negativem Grundtenor.

 

Wir müssen uns entscheiden: Reden wir uns selbst ins Negative oder haben wir Mut?

Ich bin für Mut. Denn an dieser Stelle ist es gar nicht schwer, den Mut auch zu haben. Wir müssen nur zu dem zurückkehren, was wir bis vor vielleicht 1,5 Jahren ja hatten: Selbstvertrauen.

 

„Ungeregelte Einwanderung muss keine Katastrophe sein“

Es gibt ein gutes Beispiel für gelungene Integration auch mehr oder minder ungeregelter Einwanderung: Spätaussiedler, konkret die Anfang der 90er Jahre. Als sie damals nach Deutschland kamen, wurden sie von der Bevölkerung auch so abgelehnt wie Geflüchtete jetzt oder Ausländer an sich. So wie eben alle Menschen, die von aussen kamen und uns vermeintlich bedrohten. Niemand wollte sie, und sie waren auch oft in geschlossenen Wohn-Siedlungen.

Sie sind keine Geflüchteten, im Gegenteil. Aber sie sind in weiten Teilen mit dieser Gruppe gut vergleichbar: Oft keine Sprachkenntnisse, keine oder nicht anerkannte Ausbildungen und Schulabschlüsse. Es gab schlicht einen anderen staatlichen Integrationswillen von Deutschland ihnen gegenüber, jedoch keinen gesellschaftlichen.

Dennoch sind sie ein Beispiel, dass uns zeigt,. worum es jetzt geht.

Um es deutlich zu machen, um welche Zahlen es Anfang der 90er Jahre ging, macht es Sinn, die Zahlen der Spätaussiedler und die Asylzahlen gleichzeitig zu betrachten und damit auch gleich mit einem Vorurteil aufräumen:

 

„Das Boot ist voll“ So viele Menschen können wir nicht aufnehmen!

 

Spätaussiedler & Asylzahlen 1989-1996

Von 1990 bis 1993 hat Deutschland jedes Jahr mindestens 500.000 Menschen aufgenommen, in der Spitze  fast 700.000 in 1992.

Damit ist klar erkennbar, dass die damaligen Zahlen jetzt absolut nicht (Ausnahme 2015) und auch nicht auf Dauer erreicht werden.

Zurück zu den Spätaussiedlern:

Sie konnten nach dem Vertriebenengesetz unter vereinfachten Voraussetzungen die deutsche Staatsbürgerschaft erlangen und durften gesichert bleiben. Sie konnten ihre Familie nachholen und sie bekamen all das, worum andere jetzt kämpfen müssen: Staatliche Leistungen, Sprachkurse und Zugang zum Arbeitsmarkt ohne Vorbehalte. Es wurden sehr intensive und auch aufwendige Programme entwickelt, um Integration zu gewährleisten.

 

Weiterhin sieht man, wie enorm wichtig ein klarer Rechtsstatus ist. Die Russlanddeutschen wussten, dass sie in Deutschland bleiben können und bauten sich eine Existenz auf. Ihre Integration zeigt auch die Bedeutung einer guten Förderung: Ende der 80er und Anfang der 90er Jahre gab es einen einjährigen Sprachkurs, relativ großzügige finanzielle Integrationshilfen und als Folge kaum Integrationsprobleme. Diese kamen erst, als der Staat Sprachförderung und Integrationshilfen nach und nach heruntergefahren hat. Jede Mark, die man damals bei der Integration gespart hat, musste man dann mit Aufschlag in die Bekämpfung von Jugendkriminalität stecken.Verglichen mit anderen Migranten sind sie eine Gruppe, die es schaffte, aber die gleichen Vorbehalte durchleben musste. Dennoch zeigt es die Schlüssel, die nötig wären, um Integration zu ermöglichen.

Prof. Dr. Jannis Panagiotidis

 

Es gibt also Beispiele, wie wir es geschafft haben, Menschen zu integrieren. Die Wege liegen also auf dem Tisch. Warum nehmen wir uns nicht diese positiven Beispiele? Warum reden wir stattdessen über schlecht gelaufene Beispiele, warum über Clans, warum über das Nicht-Gelingen? Wir wissen wie es geht.

Und dennoch sind auch Spätaussiedler inzwischen selbst eine Gruppe, die den Geflüchteten skeptisch gegenübersteht und überproportional der AfD anhängt.  Wie kommt das? Und wie kommt so etwas generell?

Dazu hilft vielleicht ein kleines Beispiel, frei zitiert nach Hans Magnus Enzensberger.

Betrachtet man ein Zugabteil alter Prägung haben dort 6 Passagiere Platz.

Der Erste steigt ins leere Abteil. Am nächsten Bahnhof steigt der Zweite ein und setzt sich ins gleiche Abteil. Aus Sicht des Ersten ist er der Fremde und empfindet sich vielleicht selbst auch erst einmal als störend. Der Erste betrachtet sein Abteil als seins, obwohl es ihm nicht gehört, und sieht den Zweiten als jemanden an, der in seins Sphären eindringt.

Am nächsten Bahnhof steigt wieder jemand ein, der Dritte, und setzt sich ins gleiche Abteil. Auch der Zweite betrachtet ihn nun als Fremden, der „seine“ Rechte stört, die er seit dem letzten Halt ja ebenso glaubt zu haben, wie vorher schon der Erste es meint. Streng genommen gehört der ganze Waggon immer noch der Bahn. Aber der Erste und der Zweite meinen, das Abteil gehöre ihnen. Und der Dritte wird die gleiche Empfindung gegenüber dem Vierten haben.

Will sagen: Man betrachtet etwas als das Seine und empfindet jeden Anderen als Störung und Beeinträchtigung.

Der Fremde definiert sich also über den schon vor ihm Anwesenden als fremd, nicht über Herkunft, Geschlecht und Religion. Beim diesem Beispiel sind diese Dinge völlig unwichtig. Dennoch wird der Fremde zum eigentümlich Besitzer und betrachtet den neuen Fremden als Feind und Angreifer, während der zuerst Hinzugekommene zwar zuerst selbst Fremder war, aber sich nun beim weiterenEindringlich selbst gestört fühlt.

Das Bild geht auf, die Geschichte nicht. Man nimmt uns nicht etwas weg in diesem Sinne. Niemand musste bisher irgend etwas finanziell abgeben oder wurde eingeschränkt. Es ist die reine Wahrnehmung, ähnlich wie im Zugabteil. Man fühlt sich bedroht, ohne es real zu sein.

 

Wir brauchen ein neues Narrativ, einen neuen Frame

Die Schlüsse, die wir daraus ziehen sollten, sind einfach: Erzählen wir die gleiche Geschichte. Nur auf neue Art und Weise. Wir sollten unser Denken neu ordnen. Es geht nicht darum, etwas neues zu erfinden. Wir müssen nur die Schwerpunkte anders benennen.

Wir können uns so wie bisher aus unterschiedlichen Motivationen heraus im negativen Frame bewegen und davon einwickeln lassen. Wir werden für alles auch irgendwie eine Bestätigung finden, was alles so schlecht und übel an geflüchteten Menschen ist. Wir können aber auch ein neues positives Denken entwickeln und die Menschen als Chance sehen. 

Geben wir den Menschen Chancen, die sie nutzen können. Sehen wir diese Chancen für die Menschen, die gekommen sind, aber sehen wir sie auch für uns selbst. Helfen wir Geflüchteten, dann helfen wir uns als Gesellschaft auch selbst damit.

 

Zwei Aspekte und Gedanken 

 

Blenden wir die Schicksale und Umstände der Geflüchteten einfach mal schlicht egoistisch aus:

Wir haben viele Menschen in 2015 und 2016 aufgenommen. Manche haben klares Aufenthaltsrecht, bei manchen gibt es nur subsidiären Schutz, wieder andere erhalten gesetzliche Abschiebungsverbote. Dies sind schon rd. zwei Drittel. Daneben gibt es sicher auch viele zunächst Abgelehnte, bei denen jedoch nicht klar ist, ob sie nicht noch einen besseren Status erhalten werden. Letzteres wissen wir in vielleicht ein bis zwei Jahren, wenn Gerichte darüber entschieden haben (Ein Grund, warum Aufnahmezentren kompletter Unsinn sind). Erfolg werden damit jedoch  sehr viele dabei haben.

Gehen wir einen Schritt zurück und betrachten die geflüchteten Menschen rein aus der Perspektive der schon hier Lebenden. Wir müssen uns dazu gar nicht in die Situation dieser Menschen hineinversetzen und uns mit ihrem Schicksal beschäftigen, wenn wir einfach nur den egoistischen Blick wagen, uns die jetzige Situation vorzustellen.

Nach aktueller Gesetzeslage und erst recht nach den vermutlich geplanten Änderungen haben viele diese Menschen kein Recht, hier zu arbeiten. Entweder bestehen Arbeitsverbote oder es sind Arbeitserlaubnisse notwendig, die an unterschiedlichen Voraussetzungen hängen.

Was hindert uns daran, diesen Menschen sofort und ohne Einschränkung das Arbeiten zu ermöglichen? Wir könnten dabei doch nur gewinnen: Diejenigen, die am Ende ohnehin ein Bleiberecht erhalten, werden nicht unnötig zeitlich aufgehalten. Sie lernen die Sprache schneller und besser. Wir beschleunigen Integration und Unabhängigkeit vom Staat. Die Menschen „kosten“ uns weniger und bringen sich in die Gesellschaft ein. Die Wirtschaft in Deutschland braucht offenbar genug Menschen, die arbeiten, und das in allen Bereichen und auf allen Ebenen.

Menschen, die bereits hier leben, scheinen diese Lücke nicht zu füllen, denn kein Arbeitgeber würde auf Menschen zugehen, die schlecht deutsch sprechen und nicht nach deutschen Standards ausgebildet sind, wenn er Menschen einstellen könnte, die beide Voraussetzungen erfüllen. Sie nehmen also niemandem einen Job weg, den die, die das befürchten,  nicht schon längst haben könnten.

Wir verhindern mit einer Arbeitserlaubnis allerdings auch eines, das fast zwingende Folge aus allem bisherigen gesetzlichen Handeln und Denken ist: Kriminalisierung und Schwarzarbeit. Wer nur mit Sachleistungen oder Kleinstbeträgen in bar leben darf, der ist für Schwarzarbeit empfänglich und ebenso für Kleinkriminalität. Wir selbst treiben die Menschen dort hin, nur um ihnen dies dann vorzuwerfen.

Wenn man sich vorstellt, dass man zwar beheizt irgendwo schlafen kann, aber neben der täglichen Essenspampe, die einem vorgesetzt wird, 135 € in bar bekommt, von denen in Berlin noch rd. 30 € für das Bus- und Bahnticket abgehen, dann ist erkennbar, dass wir Menschen zwangsläufig dazu animieren, irgendwie an Geld zu kommen. Niemand von uns würde es anders machen.

Warum lassen wir sie das nicht schlicht und einfach auf legale Weise tun? Es gibt kein Argument dagegen, nur welche dafür. Dazu erhalten die Menschen eine steigende Unabhängigkeit und Selbstbestimmung. Wir helfen allen damit.

Wir würden nebenbei manches Problem von Gewerbetreibenden und Handwerkern lösen. Wir könnten Bürokratie abbauen, wenn langwierige Prozesse der Genehmigung von Arbeit entfallen und wir würden den Menschen Selbstachtung geben, die wir ihnen im Moment nur nehmen.

Ebenso könnten wir jedem Ankommenden vom ersten Monat an Deutschkurse zugestehen. Und es müßte auch in allen Bundesländern eine Schulpflicht für Kinder geben. Diese Dinge sind je nach Organisation oft nur Kleinigkeiten. Aber sie würden nicht nur Geflüchteten helfen, sondern eben auch uns selbst.

Wenn wir schon nicht aus humanistisch oder christlich motivierter Nächstenliebe helfen, warum dann nicht aus egoistischer oder zumindest pragmatischer?

Noch einmal das Zitat von Prof. Panagiotidis  zur Integration von Spätaussiedlern, das für Geflüchtete gleichermaßen gilt:

Jede Mark, die man damals bei der Integration gespart hat, musste man dann mit Aufschlag in die Bekämpfung von Jugendkriminalität stecken.Verglichen mit anderen Migranten sind sie eine Gruppe, die es schaffte, aber die gleichen Vorbehalte durchleben musste. Dennoch zeigt es die Schlüssel, die nötig wären, um Integration zu ermöglichen.

 

 

Self-fulfilling Prophecy: Negatives Denken

Der zweite Gedanke ist mehr der der Stimmung und dessen, was sie anrichtet. Je mehr wir uns in das Bild das uns abzockenden, kriminellen und schmarotzenden Ausländers versteigen, desto schlechter wird es uns am Ende damit gehen.

Es ist sicher nicht so, dass alles funktioniert und sich glücklich löst und fügt, wenn man daran nur immerzu denkt, aber je schlechter man sich die Bilder einredet, desto mehr erfüllen sie sich auch tatsächlich.

Es ist ein Irrweg, wenn wir uns angeblich mordende, brandschatzende und raubende Horden quasi in unser Hirn meißeln, uns nur mit angeblichen oder auch manchmal realen negativen Folgen beschäftigen und damit unseren eigenen Blick zustellen. Der Aufbau von Feindbildern, von „wir gegen die“ (wer auch immer gerade wir und die sind), bringt uns nicht weiter, im Gegenteil. Wie bereits gesagt: 60.000 Menschen entscheiden gerade über Wohl und Wehe der Regierbarkeit des Landes? Wir haben ganz andere Themen.

Sehen wir geflüchtete Menschen mit all den Problemen, die sich aus ihrer Zahl ergaben und ergeben als Chance. Es ist eine Chance, einerseits den Blick auf uns selbst zu richten: Was an unseren sozialen Systemen läuft eigentlich und was nicht? Welche sozialen Einrichtungen oder auch Stätten der Bildung hat eigentlich vorher gut funktioniert und was nicht?

Wir sollten die Chance sehen und ergreifen, das Leben in Deutschland für uns alle besser zu machen. Wir sehen Schwachstellen vielleicht erst jetzt wirklich. Handeln erst jetzt bei Kitas, Schulen und Wohnungen, obwohl das schon viel früher hätte passieren müssen.

Statt auf Menschen zu fluchen, die diese Einrichtungen und Dinge jetzt auch nutzen, sollten wir feststellen, dass es diese Probleme auch vorher schon gab und sie nun nur viel sichtbarer wurden. Aber wir sollten auch sehen, dass die große Zahl der Geflüchteten die jetzigen Schritte oft erst eingeleitet haben.

Das Narrativ am Ende könnte dann lauten, dass wir Dank dieser Menschen Schwachstellen unserer Gesellschaft und unserer gesellschaftlichen Systeme nun endlich angehen und besser machen. Probleme, die wir jahrelang nicht wirklich angegangen sind. Werfen wir es selbst vor, wenn es keine Wohnungen gibt, aber nicht Menschen, die dafür nichts können. Seien wir dankbar, dass es nun Handlungen gibt, Aber handeln wir nicht gegen sie. Handeln wir für uns und damit auch für alle.

Denn damit gewinnen wir am Ende alle.

2 Gedanken zu „Abschiebung? Och, warum eigentlich nicht?

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