Die Qual der Wahl im Netz der Spinne

Print Friendly

 

Ein Blick nach einem guten Jahr Einblick

Im August und Anfang September häuften sich fast inflationär die Texte und Berichte zu einem Jahr Flüchtlingsarbeit und einem Jahr „Wir schaffen das“. Meine drei oder vier Textentwürfe blieben deshalb in der Schublade. Nun ist aber dennoch ein guter Anlass für ein vorausschauenden Rückblick.

Viele von uns, so auch ich selbst, waren noch vor einem Jahr nicht groß drin im Thema. Flüchtlinge waren uns wenige begegnet, deren Probleme erst recht nicht. Wir alle haben viel gelernt über Asylgesetze, deren Anwendung und deren Auswirkungen. Wir haben uns mit Bürokratie beschäftigt, kennen nun einige Winkel und Untiefen der Hartz4-Gesetze und überlegen uns jeden Tag aufs Neue, wie und wodurch Integration gelingt.

Wir hatten keinen Plan. Weder von dem, was auf uns zukommt noch von dem, was es mit und aus den Menschen macht. Den einzigen Plan, den wir jedoch hatten, ist tatsächlich: Wir schaffen das! Deshalb nehme ich auf diesen Satz doch noch einmal Bezug:

Der Plan hinter diesem Satz ist tatsächlich alternativlos. Ich verstehe ihn als Appell an uns alle, dass wir gesellschaftlich insgesamt etwas für Menschen bewegen. Er ist deswegen alternativlos, weil wir damit nicht nur etwas für gekommene Menschen tun, sondern eigentlich noch mehr für die, die schon hier sind. Und die angebliche Alternative des Wir schaffen das nicht, ist keine Alternative.

 

Warum ist das „wir schaffen das“ alternativlos?

  • Ein „Wir schaffen das NICHT“, setzt voraus, dass man es auch tatsächlich nicht schaffen WILL. Man müht sich also aktiv um das Negative, mindestens unterläßt man alles, was dem „schaffen können“ helfen könnte. 

Gegen Menschenrechte und Integration arbeiten, ist jedoch keine wirkliche Alternative. Sie ist es allein deshalb nicht, weil man mit diesem Credo bewußt gegen etwas arbeiten müßte und die Niederlage der einzige, dann aber traurige „Sieg“ wäre. Niemand kann dies tatsächlich wollen, nicht einmal Menschen, die Migration vollständig ablehnen.
  • Der „Sieg“ auf seinem Weg über den Wunsch zur Niederlage ist tatsächlich ein rein nihilistischer Ansatz. Wenn wir es hingegen tatsächlich schaffen, dann haben wir tatsächlich etwas für uns alle gewonnen. Und worin liegt der „Sieg“, wenn man den aus der Niederlage aller ziehen muss?
  • Selbst wenn wir es dann am Ende doch nicht schaffen sollten, wäre der Gewinn aus dem Versuch schon Sieg genug während die Erfolg der Niederlage nur Taub machen würde.

Klingt logisch oder? Das sollte eigentlich jeder verstehen: Gegen etwas arbeiten, weil man die Menschen und ihre Schicksale ablehnt und sich nicht zuständig fühlt, ja sogar von ihnen bedrängt, und meint, man verliere dabei, ist keine Option und auch keinerlei Haltung.

Eigentlich tritt niemand bei einem „Wettstreit“ an, um dabei richtig was auf die Fresse zu kriegen. Ich musste mich eines Besseren belehren lassen: Die Mutti-muss-weg-Schreihälse, Lügenpresse-Behauptet und diejenigen, die alles gegen Geflüchtete tun und neuerdings völkische Ideale beschweren, machen genau das: Sie würden sich am eigenen Untergang ergötzen und die eigene Niederlage bejubeln, die sie dann auch noch als „Sieg“ deuten würden. Was für eine verquere und haltlose Denke…..

 

Der eckige Weg des letzten Jahres

Auf dem Weg durch dieses Jahr hat sich viel verändert, leider nicht alles nur zum Guten. Deutschland hat die härteste Asylgesetzgebung eingeführt, die es jemals gab. Triebfeder war dabei offenbar 1. die Idee, dass man damit Menschen abschrecken würde, hierher zu kommen. 2. versucht man damit Stärke zu zeigen, um den Menschen zu suggerieren, man habe alles unter Kontrolle und im Griff.

Niemand, der aus einem Kriegsgebiet kommt, wird sich von der Frage abhalten lassen, ob er bei bewußter Nicht-Teilnahme an einem Integrationskurs eventuell weniger Leistungen bekäme. Diese Frage stellt sich schlicht kein Mensch. Abgesehen davon fordern wir Menschen zu etwas auf, das wir selbst gar nicht anbieten, wenn man sich die Zahl der Integrationskurse anschaut.

Man versucht zudem, Menschen zu dominieren und zu steuern. Gedanke dabei ist nicht der Mensch, sondern eine Art „Stückgut“. Wohnsitzregelungen zeigen gerade dann ihre Absurdität, wenn man Menschen aus einer gefundenen Wohnung in Stadt A im schlimmsten Fall zurück nach Berlin in die Turnhalle bringt und begonnene Sprach- und Integrationskurse abbrechen läßt, nur um ihnen hier wieder neue Wartezeit zuzumuten.

Man suggeriert mit diesem ganzen Gehabe der Bevölkerung, dass es sich bei den hergekommenen Menschen schlicht in Gänze um Arschlöcher handelte, die nichts auslassen, um Integration zu verhindern, die sie angeblich schon aus Glaubensgründen ohnehin nicht wollten.

Wit tasern nun Burkaträgerinnen, wenn wir denn mal welche finden würden. Das Vorsingen der Nationalhymne wird ebenso obligatorisch wie die Vereidigung auf das Grundgesetz. Nebenbei: Diese ganzen sittlich-moralischen deutschen Vorstellungen, zumindest die der Grundrechte und -Werte hätte man schon im ersten Sprachkurs mit vermitteln können.

Der konkret gegenteilige Ansatz wäre der Richtige: Klare und schnelle Bleibeperspektive (und in manchen Fällen auch deren Ablehnung), vollen uneingeschränkten Zugang zum Arbeitsmarkt vom 1. Tag an, Sprachkurse ebenso ab sofort, Zusammenzug mit ihrer Familie und ebenso ein klare finanzielle Absicherung.

Arbeitsplätze nehmen Geflüchtete nur dann weg, wenn man sie in die Schattenwirtschaft treibt, aber nicht am regulären Arbeitsmarkt. Geregelte Systeme für Asyl und Leistungen würden Zeit und Raum für Beschäftigung und Sprache schaffen, statt den Menschen und ihren Begleitern krampfhaft die Schönheit deutscher Büroflure näherbringend zu wollen.

Geld nehmen sie keinem weg, denn niemand bekommt eine geringere Rente oder Leistungen. Sie geben Geld: Alle Aufwendungen und alle Leistungen bleiben in Deutschland. Unterbringung, Essen, Betreuung, Sicherheit, Sprachkurse – all dies wir dadurch Menschen und Firmen erbracht, die hier leben oder tätig sind. Und von 100 € Taschengeld schickt niemand Geld nach Hause, sondern gibt es hier gleich wieder aus.

Mit etwas Glück und noch viel mehr Wollen können diese Menschen aber noch etwas ganz anderes zurückgeben, ohne, dass es ihr eigenes Ziel wäre. Sie tun es aber trotzdem: Bürokratieabbau, Miet-Wohnungen, die endlich wieder mehr gebaut werden, ein Nachdenken über Sinn und Unsinn von der Richtigkeit unserer Sozialleistungen, insbesondere Hartz4, und auch viele weitere Impulse, die auch ohne Geflüchtete schon bedenkenswert gewesen wären, aber erst durch sie wirklich ausgelöst wurden.

Die Chancen aus dem Zustrom dieser vielen Menschen zu sehen, zu erkennen und dann auch zu nutzen, war seit Anbeginn eine meiner Triebfedern. Ich war und bin fest davon überzeugt, dass wir für unsere bestehende Gesellschaft und auch die dort ohnehin schon Benachteiligten tatsächlich aus dem Druck der Situation heraus etwas bewirken und verändern können. Ich dachte, dass Politik und Verwaltung einmal wieder ein grosses Ziel sehen, wie sie es vielleicht bei der Wiedervereinigung damals sahen. Ich dachte, dass Partei- und Behörden-Grenzen verschwimmen und nichts zählen, sondern nur das große Ganze.

 

Das Pferd von hinten

Leider hat sich dies spätestens in 2016 als zunehmend falsche Annahme herausgestellt. Falsch nicht deswegen, weil es nicht gehen würde, sondern weil es aus Gründen des Wahlkampfes nicht das oberste Ziel ist.

Ich habe oben die Voraussetzungen benannt, die nötig wären, die Menschen hier schnell oder zumindest schneller zu integrieren. Ob sie selbst den Wunsch zu einer späteren Rückkehr haben oder ohnehin hier bleiben wollen, ist dabei ebenso egal wie die Frage einer „sicheren Bleibeperspektive“, die völlig zu Unrecht eine Auswirkung auf die Behandlung von Menschen hat. Bestes Beispiel bleiben die Menschen aus Afghanistan, die eine Anerkennungsquote von 50 % haben. Selbst blank und logisch kalkuliert, verliere ich die Hälfte der Menschen bei dieser Entscheidung, sie insgesamt nicht zu berücksichtigen.

Wir zäumen inzwischen das Pferd komplett von hinten auf:

  • Wir unterstellen Menschen gezielten Missbrauch von Leistungen und Sozialstaat
  • Wir legen Steine in den Weg, statt sie wegzuräumen und bieten weder Deutsch- noch Integrationskurse in ausreichender Menge und losgelöst vom Status an
  • Wir sorgen nicht für eine vernünftige Unterbringung oder zumindest einen Weg und Plan dorthin (s.u.)
  • Wir lassen Menschen nicht einfach arbeiten, sondern bringen sie damit in die Schwarzarbeit oder auch Kriminalität.
  • Wir stellen Menschen unter Generalverdacht des mangelnden Integrationswillens
  • Wir unterstellen ihnen kollektive glaubensbedingte Unfähigkeit zur Integration

Für Einzelfälle mag das alles auch stimmen. Es stimmt ja immer irgendwas. Das Problem ist aber die Haltung, die wir dabei vermitteln und zum Ausdruck bringen. Es ist eine negative und ablehnende Grundhaltung. Diese vermitteln wir damit ja nicht nur den Geflüchteten selbst, sondern ebenso den Bürgern dieser Stadt oder dieses Landes.

Mit dem, was wir aus diesen Gründen tun oder meine tun zu müssen, bewirken wir am Ende ganz genau das, was wir eigentlich verhindern wollen: Mangelnde Integration.

Es gibt natürlich auch unter den Menschen, die hierher kamen, unfähige, dumme, gefährliche, schmarotzende und kriminelle Menschen. Die gab und gibt es hier allerdings vorher auch schon. Unter tausend Menschen ist immer einer der letzte Dreckssack. Das ist schlicht systemimmanent, jedoch keine Glaubensfrage.

 

Hasen und Frösche

Ich las gerade bei Zygmunt Bauman etwas von der Parabel der Hasen und der Frösche: 

Die Hasen hatten Angst vor allen anderen Tieren, weil sie meinten, diese täten ihnen ständig etwas. Jedes Mal, wenn ein anderes Tier vorbei kam, stoben die Hasen auseinander und versteckten sich. Irgendwann war ihnen das alles zu viel, immer nur angegriffen zu werden und sich als das Letzte in der Nahrungskette zu fühlen. Deshalb beschlossen sie, sich alle und kollektiv das Leben zu nehmen und gingen zum nahegelegenen Teich, um sich zu ertränken.

Als die Hasen am Teich ankamen, bemerkten die Frösche die Hasen und sprangen aus Angst vor der vermeintlichen Bedrohung alle ins Wasser. Erstaunt bemerkten die Hasen, dass es auch Tiere gibt, vor denen sie selbst keine Angst hatten, diese aber vor ihnen. Sie sahen sich nun nicht mehr als das Letzte, sondern den Fröschen sogar überlegen. Der Selbstmordplan war damit aufgegeben, der Triumph über die Frösche dagegen die neue Triebfeder.

Unsere Politik tut viel für die Ängste ihrer Hasen, aber wenig für die Frösche. Das genaue Gegenteil wäre der richtige Weg: Stärkt man die Frösche und nimmt den Hasen die Ängste, profitieren beide davon, ohne übereinander herfallen zu müssen. Sie würden erkennen, wie unsinnig und dumm das eigentlich ist.

Leider meint unsere Politik in weiten Teilen, dass man zwar etwas gegen die Ängste der Menschen tun müsse, nur bestärkt man sie im daraus folgenden Tun nur darin: Man stellt ihnen nun den vermeintlich helfenden Eimer Wasser hin, für den Fall, dass es brennt. Würde man ihnen sagen, dass die Chance auf einen Brand ohnehin extrem gering ist und sie dann die Feuerwehr rufen sollten, statt sich jetzt schon sorgen zu machen, wäre es für alle einfacher. Wir erzählen ihnen solange etwas von Bränden bis jeder immer mehrere gefüllt Eimer Wasser im Wohnzimmer stehen hat.

Die AFD und andere verkappte braune Gruppierungen profitieren von diesen geschürten Ängsten. Jede politische Tat in diese Richtung stärkt sie nur noch mehr, weil es diese Ängste ja bestätigt. Jede Spaltung treibt ihnen Menschen zu, die als Hase nun den Frosch entdecken.

 

Zurück nach Berlin: Wo ist das Konzept?

Doch genug zum großen Bild und zurück zum etwas Kleineren:

In Berlin gab es einmal im letzten Jahr gute Ansätze zu einer gemeinsamen Politik für die Stadt. Bei vielen Mängeln meinte ich in Teilen etwas wie einen Weg zu erkennen. Man machte sich sogar Gedanken um einen Masterplan, den man im April beschloss, selbst wenn dieser viele Schwächen und Lücken hatte. Aber gerade in den letzten 4-5 Monaten hat man diesen Weg scheinbar komplett aufgeben.

Am Dienstag in der letzten Senatssitzung der großen Koalition wurde ein neues Konzept für den Bau der Tempohomes beschlossen. Aus mir nicht bekannten und erst recht nicht nachvollziehbaren Gründen hat man die Planung, Containerunterkünfte zu bauen, um die Menschen aus den Notunterkünften (nicht nur den Turnhallen) herauszuholen, offenbar in weiten Teilen aufgegeben.

Es gibt nun schlicht kein gesamtseitliches Unterbringungskonzept mehr, das noch schlüssig ist. Man schafft es vielleicht noch, die Menschen  aus den Turnhallen zu bringen, und das war es dann. Damit bleiben aber immer noch 18.000 Menschen in Notunterkünften, für die keine andere Unterbringung mehr vorgesehen scheint.

Mit solchen Entscheidungen baut man sich selbst die Bomben, die man eigentlich entschärfen will. Man hält Menschen in schlechten und zum Teil unwürdigen Unterkünften, verhindert ihre Selbstbestimmung und belegt sie zudem mit einem mehltauigen Schleier an Bürokratie, dass wenig Luft zum Leben bleibt.

Jeder, der mit 135 € Taschengeld in einer Notunterkunft am nächsten Formular arbeitet, statt an und für sich, Sprachkurse macht, ein halbwegs geregeltes Leben leben kann, der kann nur auf dumme Gedanken kommen. Damit treibt man die Menschen in Schwarzarbeit, weil die 50 € oder 100 € schon mehr sind als das, was sie sonst erreichen könnten. Wenn man jemanden sucht, der für einen die Drecksarbeit macht oder Drogen verkaufen soll – hier findet man sie.

Denkt man jetzt noch an unbegleitete Minderjährige, die mit 1 € Taschengeld am Tag abgeschottet vom Rest der Welt nur noch darauf warten dürfen, dass sie halbwegs alt genug sind, um auf 18 taxiert und dann nach Wuppertal verteilt zu werden, ahnt man mit ein wenig Phantasie, wo der große Topf derjenigen Menschen ist, die sich als nächstes entweder radikalisieren oder kriminalisieren.

Wir sorgen in Berlin auch an diesem Punkt für Stillstand. Alle Baumaßnahmen hinken oder laufen schleppend, Vergaben an Betreiber funktionieren nicht und nichts davon ist wirklich erklärbar. Verwaltungen lähmen sich gegenseitig wo sie können. Die Senatsverwaltung für Soziales (CDU) will Integration machen, bekommt aber von Senator Finanzen (SPD) kein Geld dafür. Das wandert in Kultur (SPD) oder auch zu Arbeit, Integration und Frauen (ebenso SPD).

Der Bau von Unterkünften wird von der BIM gesteuert, die dem Senator Finanzen (SPD) untersteht. Baugenehmigungen und alle Planungen hingegen laufen über die Senatsverwaltung Stadtentwicklung Umweltschutz (auch SPD), die auch die Wohnungsbau-Misere seit Jahren zu verantworten hat. Und der Aufbau des LAF lief im Wesentlichen über die Senatskanzlei (SPD). Es ist an mancher Stelle eine schlichte Überforderung mit der Sache zu erkennen, wenn den Bezirken erst Grundstücke für eine Bebauung benannt werden und man sich danach damit beschäftigt, ob nicht zufällig ein denkmalgeschätztes Gebäude darauf befindet. Google Earth lässt grüßen.

Das wäre alles nicht so tragisch, wenn die zuständige Senatsverwaltung für Integration dann auch einen Bezug zu den Gruppen hätte, die die Integration überwiegend machen. Den gibt es aber nicht. Also wandert das Geld wieder in schon bestehende Projekte, was nicht grundsätzlich schädlich ist, aber auch nicht immer hilft.

Das Gesamtbild ist ein Verheerendes: Man erkennt politisch gewollten Proporz und ein nicht an der Sache und Lösung eines gesamtgesellschaftlichen Problems orientiertes Handeln. Nicht die Fortentwicklung einer Stadt mit ihren Themen und Problemen steht im Vordergrund, sondern die Jahrzehnte bekannten Machtspielchen. Verwaltungen arbeiten aus politischen Gründen gegeneinander oder auch nur deshalb, weil man das eben so macht.

Auch wenn manche es dann nicht gerne hören möchten, weil ihr Feindbild zusammenbrechen könnte: Die Senatsverwaltung Soziales und der zuständige Senator sind an vielen Stellen eigentlich gar nicht mehr richtig im Geschäft, dienen aber wunderbar als die Stelle, die nach außen die Verantwortung übernehmen darf, ohne überhaupt etwas zum Spiel beizutragen. Inzwischen bekommen etablierte Träger finanzielle Zusagen für Projekte, die sie eigentlich gar nicht machen. Als Nächstes werden dann Ehrenamtliche angesprochen, inwieweit sie sich dort einbringen können, wobei es dabei nicht etwa darum ginge, dass die Initiativen dann ihre Projekte unter dem Dach eines etablierten Trägers organisatorisch abwickeln, sondern vielmehr darum, dass sie ihre Leistungen einbringen und der Träger dafür kassiert.

Ein Beispiel ist das Projekt Arrivo. In drei Jahren wurden 640 Menschen in Tätigkeiten vermittelt. Das ist schön und auch sehr zu begrüßen. Ich sage gar nichts gegen das Projekt an sich. Entscheidend sind die Umstände insgesamt. Jedes Jahr rd. 1, 2 Mio € dafür aufgewendet. Es gibt ehrenamtliche Projekte wie beispielhaft „be an angel“, die über keine öffentlichen Mittel verfügen, aber im letzten Jahr auch so schon bereits wohl rd. 100 Geflüchteten ein Praktikum oder Job verschafften. Die Frage stellt sich deshalb auch immer wieder, wo deren Unterstützung bleibt, die sicher nur einen Bruchteil ausmachen müßte. Die nächste Frage ist, wie man Mittel so bereitstellt, dass sie den größten Nutzen und Effekt haben.

 

Das manchmal schwarze Schaf namens Ehrenamt

Jeder Bezirk bekam bzw. bekommt in diesem Jahr 500.000 € Masterplan-Mittel. Alleine organisatorisch mußten diese so schnell abgerufen werden, dass sie wieder nur in bereits bestehende Projekte flossen und wieder einmal ehrenamtliche Arbeit auf der Strecke bleibt.

Dies ist keine Rede gegen bereits bestehende soziale oder sozialstaatliche Projekte. Es ist eine Rede für die Stärkung der ehrenamtlichen Strukturen, die diese Stadt in weiten Teilen getragen haben und immer noch tragen.

Deshalb mal eine Frage an alle Verantwortlichen: Wäre 1% der Ausgaben für Geflüchtete als Topf für Ehrenamtliche zu hoch gegriffen? Die Antwort vieler wäre vermutlich nein, eher zu wenig. 

Dann die Rechnung dazu: Berlin gibt irgendwas zwischen 800 und 900 Mio € für Geflüchtete aus. Ein Großteil kommt sicher auch vom Bund, was an dieser Stelle aber keine Rolle spielt. Wir würden dann über 8 Mio im Jahr reden. Real sind es vermutlich keine 500.000 €, selbst unter Einbeziehung aller Bezirke.

Ein zweites Beispiel: Auch durch unsere Mithilfe ist nun in jeder Unterkunft ein Ehrenamtskoordinator vorgesehen. Auf 500 Plätze eine volle Stelle, sonst anteilig. geht man dabei von 70 Vollleitstellen aus, die bezahlt werden, reden wir von mind., 2,5 Mio € p.a. Sollte nicht wenigstens diese Größenordnung auch für das Ehrenamt zur Verfügung stehen? Sollte, tut es aber nicht.

Vollmundige Danksagungen und auch eine tatsächliche Unterstützung an vielen Stellen durch persönliche Kraft des einzelnen Mitarbeiters ersetzt dennoch nicht eine Verfestigung neuer Strukturen und Ideen. Vielleicht sind diese ja an mancher Stelle auch besser als die alten?

Wir haben nicht nur einen Vorschlag zu Schlichtung, Beschwerden und Hausverboten gemacht, sondern diesen dann auch noch im Detail bis hin zu einer Geschäftsordnung vertragsreif ausgearbeitet. Durch alle Instanzen ist dies durchgelaufen, aber am Ende zumindest bisher nicht umgesetzt worden. 

Wir haben im April Vorschläge gemacht, wie man beim Turnhallen-Freizug Informationen sammelt, zusammenstellt, auswertet und umsetzt. Die Idee war, daraus ein ganzheitliches Konzept zu entwicklen, das es nun ja auch in der Theorie gibt. Auch dies blieb am Ende auf der Strecke. Stattdessen werden Freizüge nun zwei Tage vorgezogen, damit es ein anderer Part der gleichen Behörde vermeintlich einfacher hat.

Es gibt auch seit Monaten konkrete Vorschläge von uns zum besseren Informationsfluss an Ehrenamtliche und auch für deren Einbindung.

Wir haben mit „Berlin hilft“ eine Plattform geschaffen, von der wir vor einem guten Jahr noch gar keinen Plan hatten. In den rd. 13 Monaten , die es das Projekt jetzt gibt, haben wir rd. 4,5 Mio. Impressions gehabt (website & Social Media). So ganz am Bedarf vorbei ist das also scheinbar nicht. Statt uns jedoch noch mehr einzubinden und zu nutzen, darüber nachzudenken, wie man uns auch unterstützen kann (Informationen wären manchmal schon etwas), werden irgendwelche Info-Seiten und Broschüren oder Flyer gemacht, die den halben Grunewald vernichten, aber dann auch nur unschön rumliegen. Und auch hier gibt es genug Pläne, die klaren Bedarf haben, aber umgesetzt werden müßten.

Wir machen uns sogar darüber Gedanken, dass manches davon zum Vorteil einer Behörde wäre, obwohl dies nun wirklich nicht unser Job ist. Wir setzten und setzen auf Kooperation, weil nun einmal die Verwaltung die Kapelle bestellt, nach der wir alle tanzen dürfen. Manchmal haben wir zumindest die Noten heimlich ausgetauscht, aber auch das gelingt noch viel zu wenig.

Aber es gibt immer noch tausende Menschen in dieser Stadt, die sich jeden Tag krumm machen, damit Integration hier eine Chance hat. Leider verlieren viele den Glauben daran, dass es wirklich etwas wird.

Verlieren wir jedoch diese vielen Menschen, verliert die Stadt.

 

Und wohin fährt der Zug nun?

Das Gesamtbild ist ein Verheerendes: Man erkennt politisch gewollten Proporz und ein nicht an der Sache und Lösung eines gesamtgesellschaftlichen Problems orientiertes Handeln. Nicht die Fortentwicklung einer Stadt mit ihren Themen und Problemen steht im Vordergrund, sondern die Jahrzehnte bekannten Machtspielchen.

Auch wenn manche es dann nicht gerne hören möchten, weil ihr Feindbild zusammenbrechen könnte: Die Senatsverwaltung Soziales und der zuständige Senator sind an vielen Stellen eigentlich gar nicht mehr richtig im Geschäft, dienen aber wunderbar als die Stelle, die nach außen die Verantwortung übernehmen darf, ohne überhaupt etwas zum Spiel beizutragen.

Unsere handelnden Eliten begreifen nicht, dass es um mehr geht als Macht. Es geht um die Fortentwicklung eines komplexen Gebildes namens Berlin. Es geht darum, etwas für die Menschen zu tun, diejenigen, die hier schon lange leben und auch die, die gerade erst herkamen. Die vermaledeite Heterogenität, die wir als so anziehend empfinden, verdammen Einige. Dabei ist gerade dies auch unsere Chance.

Man fühlt sich zunehmend, als wäre man in einem Raum, den Spinnen langsam aber sicher mit ihren Fäden durchziehen. der einzelne ist schnell zu durchschlagen, die pure Masse und Dichte macht es am Ende unmöglich.

Egal wie eine mögliche Regierung ab Montag aussehen kann – nehmt Euch wieder der Menschen und der Chancen an! Verlasst die Denkverbotszone wieder und vor allem alle Klischees, die es gerade gibt. Bündelt die Integrationspolitik, aber eben so, dass sie weder politisch noch inhaltlich nicht alle anderen aus der Verantwortung entläßt. Strafft Abläufe und Entscheidungen, sorgt für Lösungen und nicht nur weitere Probleme. Wann soll man solche Projekte angehen , wenn nicht jetzt?

Wo ist der Mut geblieben, Dinge zu tun, statt nur zu reagieren?

Es gibt eine Vielzahl von wunderbaren Mitarbeitern in Senatsverwaltungen, Landesämtern und Behörden. Viele machten und machen mehr als sie müßten. Viele denken weiter als sie manchmal wohl sollen. Viele haben Ideen, die einfach vom Tisch fallen. Aber es werden wieder weniger, die so denken, weil sie mit diesem Denken und Handeln nur anecken und eigentlich nur Nachteile haben.

Und gebt denen, die gegen alles handeln, und die es auch zur genüge gibt, den verdienten Maulkorb. Ein Nicht-Schaffen ist wie gesagt keine Option.

Deshalb am Ende ein Appell an die Regierung dieser Stadt, egal wer am Ende mit wem regiert:

  • Nehmt Euch verdammt noch mal den Ideen an, die es in dieser Stadt gibt.
  • Handelt für die Menschen, nicht für Parteien oder Verwaltungen.
  • Sorgt dafür, dass Geflüchtete hier eine Chance erhalten und züchtet euch nicht all die Nachteile und Probleme selbst heran, die ihr vorgebt, bekämpfen zu wollen.
  • Tut endlich etwas auch für die Verwaltung und in der Verwaltung. Es gibt riesige Potentiale, die letztlich allen helfen.
  • Bündelt die Flüchtlingspolitik an einer Stelle, ohne die anderen Stellen und Beteiligten dabei aus der Verantwortung zu nehmen
  • Erkennt die Chancen endlich und nutzt sie auch, indem Ihr etwas für die einen tut, was auch den anderen hilft.
  • Und brecht alte Strukturen auf, stärkt die vielen Freiwilligen und sorgt für Lösungen

Noch trudelt die Münze auf ihrem Rand. Lasst sie nicht auf die falsche Seite fallen, dann dann habt Ihr es versäumt, niemand sonst. Alle Chancen waren und sind da. Manchmal fehlt der Mensch, der handelt und manchmal der Mensch im Handeln. Und generell der Mut.

Ein Gedanke zu „Die Qual der Wahl im Netz der Spinne

Hinterlasse einen Kommentar

%d Bloggern gefällt das: