Seenotrettung: Die offenen Briefe von Pauline Schmidt & Mariam Lau

Print Friendly

 

Vor kurzem hat die ZEIT einen viel diskutierten und heftig umstrittenen Artikel zum Thema Seenotrettung auf dem Mittelmeer veröffentlicht. Der Artikel erschien zunächst unter dem Titel „Oder soll man es lassen?“, was alleine schon zu großen Kontroversen führte. Die Headline wurde später dann im Online-Artikel geändert.

Inhalt sind eine „Pro“- und eine „Contra“-Position zur Seenotrettung. Dabei suggerierte die Frage des Titels einen Inhalt, den es so zugespitzt gar nicht gab. Dennoch erfolgten heftige Diskussionen, insbesondere über die „Contra“-Position.  Was blieb, waren die zum Teil heftigen Angriffe auf die Autorin de „Contra“-Textes, Mariam Lau.

Wir wollen diese ursprüngliche Diskussion nicht neu entfachen. Wir treten jedoch für einen offenen Diskurs ein, der es auch ermöglichen muss, Positionen zu einem Thema zu vertreten, die kontrovers sind, selbst dann, wenn ein Thema vielleicht nicht dafür geeignet erscheint.  Dabei hat sich im Nachgang ein Austausch entwickelt, den wir hier darstellen wollen:

Eine Folge dieser Diskussion war ein offener Brief von Pauline Schmidt an Mariam Lau. Pauline Schmidt   ist Gründungsmitglied der Seenotrettungsorganisation Jugend rettet e.V., die mit ihrem Schiff Iuventa seit Juli 2016 mehr als 14.000 Menschen in sichere Häfen gebracht hat. Im Moment liegt das Schiff wie so viele andere beschlagnahmt in einem sizilianischen Hafen. Der Jahrestag der Beschlagnahmung war jetzt in diesen Tagen.

Pauline Schmidt hat einen sehr emotionalen, dabei aber auch sehr inhaltsreichen und sachlichen offenen Brief an Mariam Lau geschrieben. Auf diesen Brief hat Mariam Lau ebenso mit einem offenen Brief geantwortet.

Wir wollen beide offenen Briefe mit ihren Meinungen und Positionen hier abbilden. Beide Briefe zeigen, dass es auch trotz auseinanderliegenden inhaltlichen Standpunkten möglich ist, ein solches Thema zu diskutieren. Beide Briefe zeigen auch, dass dies natürlich ohne persönliche Angriffe und Unterstellungen möglich ist, selbst wenn Meinungen und auch Haltungen vielleicht weit voneinander entfernt sind.

Genau dies ist jedoch das, was wir uns wünschen: Eine ehrliche, offene und dabei nicht überhöhte oder gar beleidigende Diskussion, zu der sich jeder eine Meinung bilden kann, darf und soll.

Wir wünschen uns genau dies zu vielen Aspekten und Themen. Deshalb freuen wir uns auch, dass wir diese beiden Ansichten hier nebeneinander stellen dürfen.

 

Muss man das aushalten? Ein offener Brief an die Zeit und die Journalistin Mariam Lau  

Liebe Redaktion der Zeit, liebe Mariam Lau,

ich habe lange darüber nachgedacht, ob ich mich zum Teil der aktuellen Debatte um Ihre Berichterstattung zum Thema Seenotrettung machen möchte. Und ich muss sagen: Ich möchte die Dinge so nicht stehen lassen.

Zunächst ist wichtig zu betonen, dass ich an dieser Stelle nicht als offizielle Sprecherin eines Vereins reagiere. Ich antworte Ihnen für mich ganz persönlich, aber natürlich basierend auf dem Fakt, das ich Gründungsmitglied von Jugend Rettet bin, den Verein und seinen Pressebereich aufgebaut habe und somit so stark wie kaum jemand mit den Entwicklungen innerhalb der Berichterstattung über Seenotrettung konfrontiert war.

Liebe Frau Lau, ich habe Ihren Artikel vielfach gelesen, was immer wieder bleibt, ist die Verwunderung darüber, warum der Text so schrecklich persönlich und auf die Rettenden bezogen sein muss. Da wir nun aber in einem sehr persönlichen Bereich gelandet sind, in dem Charakterisierungen wie „gewaltige Selbstüberhöhung“ oder „sie wähnen sich moralisch auf der unangreifbaren Seite“ angestellt werden, werde ich meine Antwort in zwei Teile aufteilen.

Zum einen werde ich versuchen, professionell auf Ihren Text, liebe Frau Lau, einzugehen. Ihre Argumente herausfiltern und hoffentlich in angemessener Form darauf reagieren. Ich werde hierbei den persönlichen Bereich aussparen, damit wir uns zunächst mit reinen Fakten beschäftigen. Am Ende dieses Briefes möchte ich mir jedoch erstmalig die Freiheit nehmen, aus der Rolle zu fallen, und Ihnen bzw. der Redaktion ein sehr persönliches Feedback zur dieser Art von Berichterstattung geben.

Liebe Frau Lau, schon der erste Satz Ihres Artikels ist inhaltlich falsch. Die Personen, die auf dem Mittelmeer gerettet werden, sind nicht auf der Suche nach einem „besseren Leben“, sie sind auf der Suche nach einer Grundlage zum bloßen Überleben. Die meisten Menschen sind schon viele Jahre unterwegs, haben zunächst sogenannte Binnenflucht betrieben, sind in angrenzende Staaten gezogen und fielen erst sehr viel später durch unglückliche Umstände in die Hände von Menschenhändlern. Häufig werden ihnen in der Ferne Arbeit und mehr Sicherheit (innerhalb des Kontinents!) versprochen haben. Oft endet dieser Betrug dann in Libyen mit der Aussicht auf Versklavung und gleichzeitiger finanzieller Erpressung von Verwandten in der Heimat für die Freilassung. Einige sehen dann nur noch den Ausweg aufs Mittelmeer. Und wie Sie sicher wissen, gibt es auch hier viele Missinformationen unter den Geflüchteten.

Sie verfolgen dann die These, dass reine Seenotrettung nicht zur Lösung dieser politischen Probleme beiträgt und ich möchte gerne mit der Frage antworten: Wer hat das eigentlich jemals behauptet? Mehr als die Hälfte unserer Arbeit bestand darin, andere Lösungsansätze zu suchen und die Politik zum Handeln aufzufordern. Seit Tag eins benutzte ich für unseren Verein die Metapher des „Lückenfüllers“. Die Forderung von Jugend Rettet war ein Seenotrettungsprogramm der europäischen Staaten, damit sich NGOs auf lange Sicht zurückziehen können. Sie finden zahllose Veröffentlichungen, Interviews oder Pressemitteilungen dazu, die ich Ihnen bei Bedarf auch gerne persönlich zukommen lasse.

Ihr Text folgt weiter der Argumentation des sogenannten Pull Faktors, der Idee also, dass mehr Rettungen auch mehr Flucht und somit einer Steigerung des persönlichen Risikos für die Geflüchteten bedeuten. Sie zitieren als Quelle eine Veröffentlichung der New York Times und darin abgebildete Grafiken. Ich kenne diese Veröffentlichung. Neben den viel zitierten Studien zur fehlenden Existenz des sogenannten Pull Faktors, die sie sicherlich kennen, frage ich mich, warum Sie folgende Textpassagen des von Ihnen angeführten Artikels, anscheinend überlesen haben:

“We know that what we do is not the solution,” said Stefano Argenziano, operation coordinator on migration for Doctors Without Borders, which has rescued migrants near the Libyan coast since 2015. “It’s not the source of the problem, it’s not the solution to the problem. It’s the sheer necessity of saving lives now, when lives are in danger.”

„Despite the criticism, there is no evidence that reducing rescue efforts would reduce fatalities. After the European Union stopped funding the Italian patrol and rescue program Mare Nostrum in 2014, a record number of people attempted the journey, and a record number of people drowned. The United Nations also supported increasing rescue efforts, saying the death toll would be higher without them.“

Liebe Frau Lau, sie sagen, dass sie selber auf einem Rettunsschiff unterwegs gewesen sind. Ich konnte einen entsprechenden Artikel leider nicht finden, hätte ihn aber sehr gerne gelesen, um Ihre Zeit an Bord des damaligen Schiffes besser verstehen zu können. Da Sie nun aber eigene Erfahrungen gemacht haben, frage ich mich folgendes: Habe Sie eine Einführung in die Organisation bekommen, mit der Sie damals unterwegs waren? Sie müssten darüber informiert sein, wie die NGOs vor Ort zum größten Teil aufgebaut sind, nämlich durch Ehrenamtliche, die legitimiert durch bestimmte Fähigkeiten, die an Bord der jeweiligen Mission gebraucht werden, an den Rettungen teilnehmen. Dieser Prozess ist das sogenannte Crewing. Die meisten NGOs lassen dann noch einige Plätze für die Presse frei, die anschließend circa zwei Wochen mit den Crews lebt. Sie müssten wissen, dass keine Crew der anderen gleicht, dass ist allein deshalb schon nicht möglich, weil Einzelpersonen nicht über Monate diesem körperlichen und vor allem psychischen Stress ausgesetzt sein können. Sie haben also einen bestimmten Ausschnitt einer bestimmten Konstellation von Personen zu einem bestimmten Zeitpunkt erlebt. Am Ende Ihrer Mission hat mit Sicherheit schon die nächste Crew im Hafen auf Sie gewartet. Das sei gesagt zur Transparenz des Prozesses. Was sich mir aber vor allem aufdrängt, ist die Frage, was Seenotretter eigentlich noch alles lösen sollen, während Sie lebensrettende Erstversorgung leisten. Anscheinend hat Ihnen das reflektierende Gespräch zwischen den Einsätzen gefehlt, während dem die gesamten migrationspolitischen Verfehlungen der EU in der Theorie kurz von einer Gruppe Ehrenamtlicher, die während der Einsätze an schlechten Tagen knapp vier Stunden schläft, aufgelöst werden. Ich empfinde diese Forderung als milde gesagt unrealistisch.

Gewünscht hätte ich mir bei der Recherche zu Ihrem Text auch hier, dass Sie sich die Veröffentlichungen der NGOs selber, also die ganz offizielleren Stellungnahmen, ansehen, die immer und immer wieder betonen, dass Italien nicht alleine gelassen werden darf. Wir sind stark vernetzt mit italienischen NGOs, die Geflüchtete auf den Straßen Italiens betreuen, wir kennen die Probleme, wir wissen, dass viele Geflüchtete letztendlich sogar als billige Arbeitskräfte für mafiöse Strukturen enden, nachdem sie der Hölle in Libyen entkommen sind. Und diese Hoffnungslosigkeit lässt einen schier verzweifeln.

Sprechen wir nun über Ihren Absatz zu Frontex. Frontex, liebe Frau Lau, ist ein Partner in unseren Einsätzen gewesen. Unsere NGO hat mit Frontex gesprochen, verhandelt und oftmals den Dialog gesucht. Wie Sie aber sicher wissen, handelt es sich um eine Grenzschutzagentur und selbige hat nicht das direkte Mandat aktiv und ausschließlich zu retten. Was das für Konsequenzen hat, was für Konsequenzen entstehen, durch den Rückzug von immer mehr EU-Schiffen, darüber hat die Zeit selber schon berichtete, als Jugend Rettet am Osterwochenende 2017 ein Mayday ausrufen musste, weil die Frontex-Beamten nicht mehr vor Ort waren. Liebe Frau Lau, das ist es, was kritisiert wird. Keine Rettung durch andere Parteien, aber ein ganz klares kriminalisieren der Bestrebung europäischer Bürger und Bürgerinnen, diese Lücke kurzfristig zu füllen. Im Zuge dieser Kritik, also dem Punkt der naiven Uneinsichtigkeit von NGOs, die mit ihrer Hilfe alles noch schlimmer machen, zitieren Sie einen Kollegen von mir. Ich möchte der Vollständigkeit halber das Zitat in seinem Kontext veröffentlichen:

„Unter anderem im Zuge kolonialer und postkolonialer Ausbeutungsprozesse hat sich Europa durchaus Verantwortung aufgeladen. Außerdem bin ich in einer Zeit aufgewachsen, als in Europa Grenzen geöffnet wurden und ich habe damit durchweg positive Erfahrungen gemacht. Das tut jedoch überhaupt nichts zur Sache, denn was “die Flüchtlingsretter” wollen, spielt bei der Zuweisung eines sicheren Hafens keine Rolle. Die Entscheidung, welchen Hafen ein Rettungsschiff ansteuert, wird von der zuständigen Rettungsleitstelle getroffen, nicht von der Kapitänin des betroffenen Schiffes. (…) Wir sind dort draußen nur, weil es keine sicheren und legalen Wege nach Europa gibt, und die Häfen in Italien sind nur deshalb dicht, weil der Rest Europas Italien jahrelang im Stich gelassen hat. Deshalb fordert Sea-Watch seit gestern die Europäischen Staaten mit einer Petition auf, endlich Verantwortung zu übernehmen und den Weg frei zu machen für eine politische Lösung, damit Seenotrettung wie wir sie betreiben überflüssig wird…“

Wovon der Kollege spricht, ist eine europäische Verantwortung zur Rettung der gefährdeten Personen und letztendlich einer besonderen Verantwortung der Staatengemeinschaft durch Europas spezielle Geschichte. Mit keinem Wort wird hier argumentiert, dass Seenotrettung geschichtliche Wunden heilen soll. Dieses Argument bemühen Sie aber mehrfach innerhalb Ihrer Veröffentlichung. So unterstellen Sie Rettungspersonal, sich mit Fluchthelfern zur Zeiten der DDR oder während des Zweiten Weltkrieges gleichzusetzen oder eben koloniales Unrecht durch wahllose „Fluchthilfe“ heilen zu wollen. Liebe Frau Lau, und ich sage das mit größtem Respekt, für mich zeichnen Sie in Ihrem Text eine Art Karikatur. Ich habe in den letzten Jahren keine Person kennengelernt, die diesem Bild entspricht und die ihre Arbeit mit der Ignoranz ausübt, die sie in Ihrem Text unterstellen.

Und nun möchte ich mit diesem Stichwort gerne zum ganz persönlichen Teil meines Briefes übergehen. Liebe Frau Lau, für mich gibt es nicht nur Retter und Abschotter. Für mich ganz persönlich liegt die Wurzel unserer Probleme, so gut es uns ins Europa auch geht, in einer großen sozialen Ungerechtigkeit innerhalb unseres Kontinentes, vor der wir auch innerhalb der Bundesrepublik Deutschland nicht die Augen verschließen können. Prekäre Lebenssituationen machen Angst, sie machen aber vor allem Angst vor dem „Fremden“ und vor noch mehr Personen, die den Alltag potenziell schwieriger für das schon sozioökonomisch gestresste Individuum gestalten könnten. Sicher kennen sie die üblichen Studien zur Gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit und ihren Ursachen bzw. möglichen Präventionsmaßnahmen. Eine wirklich gerechte Gesellschaft, eine Gesellschaft, die dem Individuum echte Sicherheit bietet, reagiert nicht so massiv auf eine vermeintliche Verknappung von Ressourcen durch Geflüchtete. Das Individuum kann aber nur bedingt an seinen Strukturen arbeiten. Was wirklich stattfinden muss, ist ein Gespräch darüber, warum so viele Menschen in Deutschland und Europa eine allumfassende Existenzangst haben, eine Angst davor, dass ihnen etwas weggenommen wird. Dies wäre eine Debatte, die ich mir von Herzen in der Presse wünschen würde. Dies wäre eine Debatte, die den Wahlerfolg der AFD und das Aufkeimen rechter Hetze wirklich untersuchen könnte. Wir müssen über soziale Ungerechtigkeit reden. Was wir nicht brauchen, sind persönliche Charakterisierungen irgendwelcher Ehrenamtlichen auf einem kleinen Schiff im Mittelmeer.

Um nun noch persönlicher zu werden: Frau Lau, ihr Text hat mich verletzt und er trägt zu einem Klima bei, dass die Stimmung gegen Geflüchtete und Hilfstrukturen weiter anheizt. Und darüber müssen wir sprechen. Er trägt zu einem Klima bei, das es mir nicht mehr möglich macht, frei darüber zu reden, dass ich mal eine NGO zur Seenotrettung gegründet habe, weil ich nicht weiß, wie viele Artikel von der Natur des Ihren mein Gegenüber schon gelesen hat. Die freie Presse ist ein hohes Gut, es kommt aber auch mit einer Verantwortung einher, die ich innerhalb Ihres Artikels als verletzt sehe. Ich meine damit ausdrücklich, dass Kritik erlaubt ist. Sie zeichnen Ihre Kritik aber ausschließlich entlang einer Charakterisierung von Personen, die Sie nicht kennen. Ich vermisse den Blick auf Strukturen und darauf, was ihre Reichweite und ihr damit verbundener Einfluss für den Alltag der Menschen bedeuten, die Sie so hart aburteilen. Sie können und dürfen nicht dazu beitragen, dass Probleme, die zwei Kontinente betreffen, auf dem Rücken einer Gruppe von Ehrenamtlichen ausgetragen werden, die zeitgleich zu Ihrer Veröffentlichung mit dem Thema Kriminalisierung, unfassbarem rechtem Hass und Bedrohungen und der Schwere des Jobs an sich und den resultierenden emotionalen Konsequenzen kämpfen müssen. Es war mir wichtig, Ihnen das zu spiegeln. Die Debattenkultur in Deutschland kann und darf nicht solche Züge annehmen.

Ich verbleibe mit herzlichsten Grüßen

 

Pauline Schmidt


Die Antwort von Mariam Lau

Liebe Pauline Schmidt,

vielen Dank für Ihren offenen Brief, den ich leider erst jetzt beantworten kann.

Zuerst: Es tut mir leid, dass Sie sich persönlich von meinem Contra-Text zur privaten Seenotrettung gekränkt gefühlt haben. Wenn man selbst auf dem Mittelmeer gerettet hat, selbst zu den Aktivistinnen gehört, deren Migrationsphilosophie hier kritisiert wird, kann das ja gar nicht ausbleiben. Ich bin allerdings der Meinung, dass sich ALLE Beteiligten an dem Geschehen dort die Frage vorlegen müssen, was ihr Handeln UND ihr Denken im größeren Kontext europäischer und afrikanischer Flüchtlingspolitik bedeuten. Dass es auch Aktivisten gibt, die das ebenso sehen wie ich, beweist der Brief von Anton Shakouri, einem Gründungsmitglied von Sea-Watch, den ich Ihnen gerne bei Interesse weiterleite. Er war nicht der einzige dieser Art.

Ich bin selbst vor genau einem Jahr für zwei Wochen mit der Sea-Eye vor der libyschen Küste unterwegs gewesen. Die Gespräche mit der Crew, aber auch mit den Leuten von der Sea-Watch oder dem Alarm-Phone in Malta, mit Leuten von Jugend Rettet – der Organisation, die Sie mitbegründet haben – überall bin ich derselben Überzeugung begegnet: dass es nicht nur um Rettung geht, sondern um die „Safe Passage“ nach Europa – und zwar für jeden, der das wünscht.

Sie haben völlig recht: Es wurde eng mit Frontex kooperiert. Frontex hat die Menschen, die wir auf der Sea-Eye gerettet haben, dann nach Italien gebracht. 180.000 im Jahr 2016. Trotzdem – und das ist ja genau meine Kritik – wurde in unseren Gesprächsrunden an Bord so getan, als sei Europa längst abgeschottet. Es gab einfach NULL Verständnis dafür, dass europäische Gesellschaften auswählen wollen und müssen, wem sie ihre Tore öffnen.

Sie schreiben, schon mein erster Satz sei falsch: Dass die Menschen in den Booten ein besseres Leben suchen. Das finde ich erstaunlich. Selbstverständlich tun sie das, und das ist ja auch ihr gutes Recht. Wir müssen besser darin werden, ihnen unter bestimmten Umständen dazu legale Möglichkeiten zu eröffnen. Denn das Hauptziel, da sind wir uns hoffentlich einig, liebe Frau Schmidt, muss doch sein, dass möglichst niemand mehr die gefährliche Überfahrt antritt. Wir müssen vorher herausfinden, ob jemand verfolgt wird oder Arbeit sucht oder was sonst, und wenn ja, welche Voraussetzungen er mitbringt, um in Europa auf eigene Faust zu überleben. Die Menschen, mit denen ich an Bord gesprochen habe, haben in den allermeisten Fällen da auch gar keinen Zweifel dran gelassen: „Life in Bottrop is better than in Nigeria“. Sie haben Recht: hinter vielen von ihnen liegen grauenhafte Monate oder Jahre. Folter, Vergewaltigung, Durst in der Wüste, Demütigung. Man hat ihnen absurde Hoffnungen gemacht, und sich diese Hoffnungen teuer bezahlen lassen. Viele der Babies, die erschöpft und dehydriert in den Armen ihrer völlig entkräfteten Mütter hingen, sind aus Vergewaltigungen in Libyen entstanden. Deshalb sage ich: Ein Problem aus der Hölle. Aber daraus folgt für mich nicht, dass deshalb jeder dieser Verzweifelten nach Europa kommen können sollte.

Ich höre immer wieder den Satz: „Das sagt doch auch niemand. Niemand will alle herholen“. Das ist richtig. Nur gibt es sehr viele, die zu jedem konkreten Schritt: EU-Türkeiabkommen, Schließung der Balkan-Route, Transitzentren, Abschiebehaft – dann doch Nein sagen. Für ein Nein eben keine politische Verantwortung übernehmen wollen. Viele agieren auch aus einem postkolonialen Schuldgefühl heraus. „Sie sind arm, weil wir reich sind“. In meine Augen ist das höchstens die halbe Wahrheit. Es erstaunt mich, wie wenig „Good Governance“ in Afrika Thema in der europäischen Presse ist. Ich bestreite nicht, dass die Kolonialmacht Europa Schuld auf sich geladen hat. Aber Schuldgefühle sind keine gute oder ausreichende Grundlage für aktuelle politische Entscheidungen. Regierungen wie die Deutsche, die sich 2015 äußerst offen gezeigt haben und nun wieder stärkere Einschränkungen machen, aber eben immer noch offen bleiben wollen – die sehen sich allein auf weiter Flur, weil sie von links als Abschotter und von rechts als „Willkommensklatscher“ diffamiert werden. Die Regierung Renzi hat auf Knien darum gebettelt, dass die EU ihnen hilft. Jetzt ist es zu spät.

Die Seenotretter sollen und können das alles nicht lösen, da haben Sie recht. Sie sollten nur auch dieser falschen Frontstellung nicht auch noch Vorschub leisten.

Dazu gehört auch, anzuerkennen, dass man Teil des Geschäftsmodells der Schlepper ist, ob man es will oder nicht. Ja, es wurde auch im Mittelmeer gestorben, als keine Retter unterwegs waren. Aber in der Ägäis, wo klar ist, dass jeder illegal eintreffende Flüchtling zurückgestellt wird in die Türkei, beziehungsweise in griechischen Hotspots bleibt, ertrinkt kaum noch jemand.

Ich weiß, dass viele von Ihnen das Wort „illegal“ in diesem Zusammenhang ablehnen. „Kein Mensch ist illegal“. So ist es: nicht der Mensch, aber das Vorgehen.

Kann man deshalb das Retten lassen? Nein. Sollten wir alle dafür kämpfen, dass es staatliche Stellen übernehmen, und zwar auf eine so nachhaltige Weise, dass es künftig eben niemand mehr versucht? Ich finde ja.

Vorschläge dazu liegen auf dem Tisch. Verträge mit afrikanischen Staaten, die zweierlei versuchen: die Aufnahme einer bestimmten Zahl von Migranten im Gegenzug zur Rücknahme aller illegal ab einem Stichtag nach Europa gelangten, das scheint mir ein vielversprechender Weg.

Sie schreiben: „Für mich liegt die Wurzel…in einer großen sozialen Ungerechtigkeit unseres Kontinents…Prekäre Lebenssituationen machen Angst vor dem Fremden“. Das ist für mich keine gute Art, mit Bedenken gegen Migration umzugehen: man pathologisiert sie. Du denkst nur so, weil du arm bist, deine wahren Interessen sind gang andere. So kommen wir nicht weiter. Gegen ungeregelte Migration zu sein ist ein völlig akzeptabler Standpunkt, der im demokratischen Spektrum seinen Platz hat.

Sie machen sich Sorgen um die Debattenkultur in Deutschland. Ich nicht. Ich finde, dass sie ziemlich in Ordnung ist. Wer „Asyltourismus“ sagt, bekommt sogar aus der eigenen Partei einen solchen Gegenwind, dass er zurückrudern muss. Ich habe in meinem Stück gegen die private Seenotrettung heftig ausgeteilt, und heftig zurückbekommen – das ist völlig in Ordnung so. Liebe Frau Schmidt, ich finde, so sollten wir es weiter halten.

Herzliche Grüße,

Mariam Lau

 

 

Der offene Brief von Pauline Schmidt erschien zuerst auf ihrem Blog ALL YOUR SISTERS

Die Antwort von Mariam Lau erschien auf ihrem Facebook-Profil.

Beide sind auch auf Twitter erreichbar

Mariam Lau 

Pauline Schmidt

Hinterlasse einen Kommentar

%d Bloggern gefällt das: